Tag-Archiv für 'sichelschmidt'

„Sie sind traumatisiert“ – HILFE STATT RASSISMUS Roma brauchen in Berlin eine Anlaufstelle, so ein Experte

Quelle: http://www.taz.de/regional/berlin/aktuell/artikel/?dig=2009%2F06%2F03%2Fa0095&cHash=180f6dbbad

taz Herr Sichelschmidt, Sie sind in Berlin, um im Konflikt der Roma-Gruppe aus dem Görlitzer Park zu vermitteln. Haben Sie schon ein Bild der Lage?

Dzoni Sichelschmidt: Ja, und ich bin schockiert. Da ist viel schiefgelaufen.

Was denn?

Zum Beispiel beim Umzug der Roma ins Lager Motardstraße. Es gibt Familien, die nicht in dieses stacheldrahtbewehrte Lager wollten, weil sie in rumänischen Gefängnissen misshandelt wurden. Sie sind traumatisiert. Wir hatten deshalb die Gemeinde gebeten, dass ein Teil der Gruppe bis Dienstag in der Kirche bleiben darf. Das wurde abgelehnt, weil man nicht an die Traumatisierung dieser Leute glaube.

Haben Sie den Eindruck, dass nach einer Perspektive für die Roma gesucht wird?

Leider nein. Eigentlich kennen die PolitikerInnen die Lage und die Probleme der Roma gut. Aber es fehlt an dem Willen, wirklich etwas daran zu ändern. Das ist ein europaweites Problem: Viele Politiker sehen Roma als Problem, das gelöst werden muss. Aber kaum einer beschäftigt sich mit den Problemen der Roma. Es herrschen stattdessen Apartheid und Rassismus.

Aber verglichen mit den Gewalttaten gegen Roma in anderen EU-Ländern läuft es doch in Berlin eigentlich ganz gut?

Vor dem Hintergrund dessen, was ich am Montag durch Zufall am Kottbusser Tor erleben musste: nein. Solche Ereignisse, dass Roma einfach auf offener Straße geschlagen werden, machen mir Angst. Das ist nicht akzeptabel, und ich hoffe, dass das nicht der Anfang weiterer Angriffe hier ist.

Was werden Sie in Berlin ausrichten können?

Ich werde einen Lösungsvorschlag wiederholen, den wir schon 2002 aus Anlass der Osterweiterung der EU haben. Roma brauchen europaweit Anlaufstellen. In Frankfurt, wo sehr viele Roma leben, gibt es eine solche Anlaufstelle bereits. Dorthin können sich Roma wenden, wenn sie gesundheitliche Beratung oder die Hilfe von Sozialarbeitern brauchen. Es gibt auch eine Kindertagesstätte. So können die Eltern einige Monate lang als Musiker oder Fensterputzer arbeiten und dann nach Rumänien zurückkehren, um vom verdienten Geld zu leben. Mein Vorschlag ist, so etwas auch hier zu machen. INTERVIEW: ALKE WIERTH

Dzoni Sichelschmidt

Der 37-Jährige ist ein Rom aus dem Kosovo, Vorsitzender des Roma Affirmation Centre und Mitarbeiter des Europäischen Zentrums für Antiziganismusforschung in Hamburg. Er arbeitet mit Roma-Jugendlichen in St. Pauli.

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Rassismus-Vorwurf – BVG prügelt sich mit Roma

Vorwort: Interessanter Weise war der „zufällige“ Zeuge Ercan Yasaroglu in der Vergangenheit derjenige, der mit einigen Mitstreiter_innen – auch aus dem Security-Bereich – nach mehr Polizei-Razzien und mehr BVG-Security geschrien hat. Er wollte dadurch die Heroin- und Alkoholkonsument_innen vom Kotti vertreiben. Und sein Ruf wurde diesbezüglich auch erhört:
eine neue Sondereinheit wurde einberufen die jetzt am Kotti und im Görli jagd auf Drogenkonsument_innen und Kleinstdealer machen, es finden seit Monaten regelmäßig Polizei-Razzien statt, die BVG erhöhte die Präsenz ihrer Securities. Dass er sich jetzt als Zeuge zur Verfügung stellt ist OK, aber das entbindet ihn nicht von der Verantwortung. Ob wirklich nur „zufällig“ so viele Meinungsmacher_innen am Kotti unterwegs waren? Aber lest selber:

Quelle: http://www.taz.de/regional/berlin/aktuell/artikel/1/bvg-pruegelt-sich-mit-roma/

Rassismus-Vorwurf
BVG prügelt sich mit Roma

Sicherheitsbeamte der BVG sollen eine Gruppe Roma in Berlin-Kreuzberg verprügelt haben. Die Polizei sieht die Schuld dagegen bei den Rumänen. Ein Zeuge ist empört. VON PAUL WRUSCH

Platz für Scheibenwischer - U-Bahnhaof Kottbusser Tor

Kein Platz für Scheibenwischer: Der U-Bahnhof Kottbusser Tor in Kreuzberg

Zwei Sicherheitsbeamten der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wird vorgeworfen, eine Gruppe von Roma am Pfingstmontag angegriffen und verprügelt zu haben. Nach Aussage des Kreuzberger Sozialarbeiters Ercan Yasaroglu, der das Geschehen zufällig beobachtet hat, attackierten zwei BVG-Sicherheitsleute kurz nach 12 Uhr einen jungen Rom an einer Bushaltestelle am Kottbusser Tor. „Die Gruppe hatte am Kotti Autofensterscheiben geputzt. Sie wurde zunächst von BVG-Beamten rassistisch beleidigt und angeschrien, später auch angegriffen“, sagt Yasaroglu am Dienstag der taz. Die BVG-Männer seien zuvor aus dem U-Bahnhof gestürmt und auf die Roma losgegangen. Wahrscheinlich um die unliebsamen Fensterputzer von der Kreuzung am Kotti zu vertreiben, vermutet er.

Die Polizei ordnet den Vorfall dagegen völlig anders ein. In einer am Dienstag veröffentlichten Pressemitteilung heißt es, dass zwei Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der BVG von einer Gruppe Autofensterputzern attackiert und verletzt worden seien. Nachdem die Polizei von einem Autofahrer alarmiert worden sei, weil dieser von den „Fensterputzern belästigt wurde“, soll sich die etwa zehnköpfige Roma-Gruppe an die Bushaltestelle in der Skalitzer Straße begeben haben. „Dort kam es zu einem Wortgefecht zwischen ihnen und zwei BVG-Beamten. Im weiteren Verlauf schlugen zwei Männer sowie eine 25-Jährige auf die beiden Wachleute ein“, so die Polizei. Dabei soll ein Sicherheitsbeamter leicht verletzt worden sein, der andere einen Nasenbeinbruch erlitten haben.

Ein junger Rom und die 25-jährige Frau wurden vorläufig festgenommen, kamen aber am Dienstag wieder auf freien Fuß. Ein 17-jähriger Rom erstattete später Anzeige wegen Körperverletzung, die Polizei ermittelt daher auch gegen einen der BVG-Beamten. „Was da genau im Vorfeld abgelaufen ist, dazu können wir momentan noch nichts sagen“, so Polizeisprecher Michael Gassen zur taz.

Dass die Polizei die Roma in ihrer Pressemitteilung beschuldigt, die BVG-Beamten zuerst angegriffen zu haben, sei „hinterhältig und eine dreiste Lüge“, sagt Ercan Yasaroglu. „Die Attacke ging eindeutig von den BVG-Leuten aus, das haben auch andere Augenzeugen so gesehen“, erklärt er. Nachdem die BVG-Beamten den jungen Rumänen angegriffen hatten, sei eine junge, schwangere Romni zur Hilfe gekommen und auf den Rücken des Sicherheitsbeamten gesprungen. Dieser habe die Frau rüde ins Gesicht geschlagen und zu Boden gedrückt. Yasaroglu selbst hat als Augenzeuge vor der Polizei ausgesagt, nichts davon finde sich in der Darstellung der Polizei, sagt der Sozialarbeiter. Auch nicht, dass die beiden angegriffenen Roma verletzt wurden.

„Die Polizei muss bei solchen hastigen, voreiligen Schuldzuweisungen vorsichtig sein. Das klären bei uns immer noch die Richter“, sagt Barbara Seid, Fraktionsmitglied der Linkspartei in der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg. Sie traf kurz nach der Auseinandersetzung am Kotti ein. Weder die Roma noch die BVG-Beamten seien „harmlose Lämmer“. Es müsse jetzt aber erst einmal ordentlich ermittelt werden, wer wen zuerst angegriffen hat.

Der Hamburger Roma-Sprecher Dzoni Sichelschmidt (siehe unten) kam Montagmittag kurz nach dem Vorfall zufällig am Kottbusser Tor vorbei und versuchte, zwischen Polizei und den aufgebrachten Roma zu vermitteln. „Die Sicherheitsleute haben einfach ihren rassistischen Gefühlen freien Lauf gelassen“, vermutet er gegenüber der taz. Wenn man die BVG-Beamten sehe, dann käme man mit Sicherheit nicht auf die Idee, diese anzugreifen. „Aber das ist typisch: Angriff als Verteidigung.“

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