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»Drogenkonsumenten einfach nur vertrieben«

Quelle: http://www.jungewelt.de/2009/07-20/032.php

AIDS-Hilfe fordert kassenfinanzierte Heroinbehandlung. Bundesweiter Gedenk- und Aktionstag für Abhängige. Ein Gespräch mit Dirk Schäffer

Interview: Markus Bernhardt

dirk schaeffer, deutsche aidshilfe

Dirk Schäffer ist Referent für den ­Fachbereich Drogen und Strafvollzug der Deutschen AIDS-Hilfe

Anläßlich des elften bundesweiten Gedenktages für verstorbene Drogenabhängige sind am 21. Juli Veranstaltungen in über 40 Städten geplant. Setzen Sie sich dabei auch mit der aktuellen Drogenpolitik auseinander?

Der bundesweite Gedenktag mit Veranstaltungen hat sich von einem Trauer- zu einem Tag entwickelt, an dem auch die politische Auseinandersetzung gesucht wird. Dies ist eine der wenigen Möglichkeiten, die Anliegen von Drogenkonsumenten, ihrer Eltern und Angehörigen sowie der AIDS-Hilfe in die Öffentlichkeit zu transportieren und mit politisch Verantwortlichen ins Gespräch zu kommen.

Auch 2008 ist die Zahl der verstorbenen Drogengebraucher angestiegen. 1449 Tote gab es im vergangenen Jahr; 2007 waren es 1394. Was sind die Gründe für diese Zunahme?

Den ersten Interpretationen des Bundesministeriums für Gesundheit zufolge befindet sich unter den Drogentoten im letzten Jahr eine hohe Zahl älterer Menschen, die teilweise seit Jahrzehnten Drogen konsumierten.

Was kann die Politik unternehmen, damit weniger Menschen an Rauschmitteln sterben?

Drogenkonsumräumen müssen flächendeckend in allen Bundesländern zur Verfügung stehen. Dieses Angebot verhindert Todesfälle infolge von Überdosierungen und hilft, Betroffene in die Substitutionsbehandlung zu vermitteln. Für bisher nicht erreichte Drogenkonsumenten oder für Substituierte, bei denen die Behandlung nicht den gewünschten Erfolg erzielt, stellt die heroingestützte Behandlung mit Diamorphin, also synthetischem Heroin, eine alternative Therapieform dar. Es muß eine kassenfinanzierte Heroinbehandlung, die Leben rettet, angeboten werden. Da immer mehr Drogenkonsumenten an einer chronischen Hepatitis-C-Infektion leiden, gilt es, einen frühzeitigen Behandlungsbeginn zu unterstützen und ausreichend niedrigschwellige Zugänge dafür zu schaffen.

Im Berliner Stadtteil Kreuzberg kam es in den letzten Monaten zu einer Verdrängung der Szene am Kottbusser Tor. Vorausgegangen war eine Stimmungsmache der dort ansässigen Geschäftsleute gegen die Drogenbenutzer. Die Stadt reagierte mit erhöhter Polizeipräsenz. Welche Folgen hat das?

Die repressiven Maßnahmen der Polizei haben zu einer Zersplitterung der Szene geführt, die sich nun wieder entlang der U-Bahnlinien verteilt. Damit sind die Menschen für Angebote der aufsuchenden Arbeit nur schwer erreichbar. Die Polizei hat mit ihren Aktionen den Kollegen vor Ort – beispielsweise vom Verein Fixpunkt e.V. – einen Bärendienst erwiesen. Es ist ein Trauerspiel, daß die Staatsmacht auch nach vielen erfolglosen Versuchen, die Drogenkonsumenten ohne begleitende Hilfen sich selbst zu überlassen und sie einfach zu vertreiben, nichts gelernt hat.

Parallel zum Vorgehen gegen Drogenkonsumenten kommt es in Kreuzberg auch zur Verdrängung anderer sozial benachteiligter Menschen.

Wer die Augen nicht fest verschließt, wird sehen, daß es in Kreuzberg Tendenzen gibt, den Stadtteil umzubauen. Hiermit ist auch eine Veränderung der Mieterstruktur verbunden. Ich glaube, daß die dort lebenden Migranten genau mit jenen Drogenkonsumenten eine Allianz bilden müßten, die sie noch vor wenigen Wochen am Kottbusser Tor vertreiben wollten. Nur so ließe sich die Gentrifizierung ihres Kiezes zu verhindern.

Vor mehr als einer Woche ist es in Bielefeld zum dritten Mal zu einem Brandanschlag auf eine Tierpension der AIDS-Hilfe gekommen, die als Qualifizierungsprojekt für Langzeitarbeitslose – darunter auch Drogenkonsumenten – mit oder ohne HIV dient. Das Projekt ist mittlerweile in seiner Existenz bedroht. Anderswo ist die Stimmung ähnlich. Woraus resultiert diese feindliche Atmosphäre?

Vielleicht ist das ein Beispiel dafür, wie gering die Akzeptanz in Teilen der Gesellschaft für Menschen mit HIV/AIDS oder Drogenkonsumenten noch immer ist. Deshalb sollen Veranstaltungen wie der morgige Gedenktag dazu beitragen, den Bürgern Einblicke in das Leben und die Bedürfnisse von Drogenkonsumenten zu geben.

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Pressemitteilung JES-Netzwerk: Diese Entscheidung wird Menschenleben retten!

Pressemitteilung: Diese Entscheidung wird Menschenleben retten!
JES fordert die heroingestützte Behandlung in Gesundheitsräumen

/JES-Netzwerk

Berlin, den 28.05.2009

Der Deutsche Bundestag hat am 28.05. mehrheitlich einer Veränderung des BtMG (Betäubungsmittelgesetz) zugestimmt. Diese Veränderung bietet die Grundlage, um künftig auch Diamorphin, also medizinisch reines Heroin, zur Regelversorgung von Heroinabhängigen zu verwenden. Die jetzt noch erforderliche Zustimmung vonBundesrat und Bundespräsident scheint sicher zu sein.

Für das JES-Netzwerk (Junkies, Ehemalige, Substituierte) erklärt dazu Mathias Häde: „Die zähe Verzögerungs- und Verhinderungstaktik von Teilen der CDU-Bundestagsfraktion vermochte sich letztlich doch nicht gegen die mit vielen unwiderlegbaren Fakten untermauerte fachliche Argumentation der Befürworter durchzusetzen. Das JES-Netzwerk spricht -nicht zuletzt stellvertretend für die von dieser Entscheidung unmittelbar betroffenen langjährigen DrogengebraucherInnen- allen UnterstützerInnen seinen Dank aus. Dieses positive Votum wird in der Folge Menschenleben retten und langjährigen HeroingebraucherInnen ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen.“

Im nächsten Schritt wird es um die Finanzierung durch die Krankenkassen gehen. Hier fordert das JES-Netzwerk, dass in den Städten, in denen bereits heute Drogenkonsumräume betrieben werden, der zügige Einstieg in die Vergabe medizinisch reinen Heroins möglich wird. Denn nur so, ergänzt Katrin Heinze, Bundessprecherin von JES, erhält der für diese Räumlichkeiten gern benutzte Begriff „Gesundheitsraum“ eine Berechtigung. Nicht, wenn dort schmutzige Mafia-Drogen konsumiert werden.

JES – Bundesweites Drogenselbsthilfenetzwerk
c/o Deutsche AIDS Hilfe e.V.
Wilhelmstr 138 – 10963 Berlin
Fon: +49 030 690087 56
Fax: +49 030 690087 42
Dirk.Schaeffer@dah.aidshilfe.de
www.jes-netzwerk.de

Kontakt: Mathias Häde
mhaede@jes-netzwerk.de
0521 – 39 88 666

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