Gentrifikation in Kreuzberg – Die Furcht vor der Verdrängung

Quelle: http://www.taz.de/regional/berlin/aktuell/artikel/1/die-furcht-vor-der-verdraengung/

In Kreuzberg geht die Angst um. Immer mehr Häuser werden modernisiert. Ein Kiezrundgang. VON CHRISTOPH VILLINGER

Schlechte Aussichten? Immerhin kann man in Kreuzberg am Landwehrkanal noch den Sonnenuntergang genießen Foto: AP

„Zurzeit zahlen wir rund 750 Euro Miete für unsere etwa 100 Quadratmeter große Wohnung, nach der Luxusmodernisierung sollen es knapp 1.400 Euro sein.“
Was ist Gentrification?

Ein typisches Soziologenwort, das die Aufwertung von Stadtteilen und die damit verbundene Verdrängung thematisiert. Man kann auch Schickimickisierung sagen.

Ein Verdachtsmoment, zumindest für das BKA. Das fahndete auf der Suche nach der „militanten gruppe“ nach Aktivisten, die das Wort benutzen. Eines der Opfer war der Soziologe Andrej Holm.

Ein Tatbestand, vor allem in Mitte und Prenzlauer Berg. Dort wurde seit der Wende ein Großteil der Bevölkerung ausgetauscht.

Eine Form der Provinzialisierung. Nicht umsonst spricht man von Prenzlauer Berg bereits als „Bionade-Biedermeier“.

Noch immer schüttelt Norbert Arndt den Kopf, wenn er die Modernisierungsvereinbarung des neuen Eigentümers in die Hand nimmt. „Eigentlich ist hier alles in Ordnung, nur die Fenster könnten mal gemacht werden“, sagt er.

Auf den Fahrstuhl, den der neue Eigentümer der Katzbachstraße 18 einbauen will, kann er gut und gerne verzichten – vor allem auf die 150 Euro Mehrkosten, die damit verbunden wären. Doch um den Fahrstuhl geht es den Eigentümern wohl nicht. Arndts Haus mit den vergilbten Buntglasfenstern im Treppenhaus liegt direkt gegenüber dem Kreuzberger Viktoriapark.

Bis vor Kurzem gehörte die Katzbachstraße 18 einem im Haus lebenden alten Ehepaar. Doch letztes Jahr starb der Mann, die Witwe verkaufte es an die Viktoriapark Grundbesitz GmbH, ein Unternehmen der Christmann-Unternehmensgruppe. Die präsentiert sich auf ihrer Internetseite als Unternehmen, das „im jeweiligen Marktumfeld die Nischen sucht und erkennt, die es uns ermöglichen, uns und unseren Partnern überproportionale Gewinne zu erwirtschaften“. Weiter heißt es, dass mit dem firmeneigenen Know-how „bei einer Leerstandsimmobilie sofort der Ertrag“ erkannt werde.

Wie Arndt geht es in letzter Zeit immer mehr Mietern in Kreuzberg. Gerade erst hat der Stadtforscher Andrej Holm, der sich lange mit den Aufwertungsprozessen rund um den Kollwitzplatz beschäftigte, im Immobilienteil der New York Times eine Wohnungsanzeige für die nahe gelegene Katzbachstraße 5 entdeckt. In dem ebenfalls zur Christmann-Gruppe gehörenden Haus wird eine 168 Quadratmeter große Wohnung für rund 400.000 Euro angeboten. Was Arndt womöglich erst bevorsteht, ist gegenüber bereits Wirklichkeit.

Immer mehr Kreuzberger stellen sich wie Norbert Arndt die Frage: was tun? Anders als in den Schickimicki-Kiezen in Mitte und Prenzlauer Berg steht den Mietern in der Katzbachstraße nicht einmal eine Milieuschutzverordnung zur Seite. Doch auch wenn man in einem Milieuschutzgebiet wie rund um die Wrangelstraße im östlichen Kreuzberg lebt, ist es schwierig, sich juristisch gegen ungewollte Modernisierungen zu wehren.

In zwei Häusern aus den 50er-Jahren an der Wrangel- Ecke Cuvrystrasse beginnt in diesen Tagen die Sanierung. Danach soll die Miete fast 50 Prozent mehr betragen. Inzwischen hat ein Großteil der rund 30 Mietparteien die Modernisierungsvereinbarungen unterschrieben – „das Amt zahlt ja“. Einige aber sind nicht einverstanden, sie wollen lieber mit Kachelofen, aber dafür mit billiger Miete leben.

Die aus dem alternativen Milieu stammende Hausbesitzerin gibt sich bemüht, auf die Sorgen der Mieter einzugehen und Lösungen zu finden. Wie die Mieter in Kreuzberg will auch sie anonym bleiben – die Stimmung in Kreuzberg ist inzwischen aufgeheizt. Auch deshalb, weil niemand den Mietern die Angst davor nehmen kann, dass die Mietsteigerung demnächst über dem „vom Amt“ erlaubten Satz liegen könnte.

Es sind vor allem die Neuvermietungen, die dem Stadtsoziologen Sigmar Gude Sorge bereiten. Im letzten Jahr hat Gude im Auftrag des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg eine große Untersuchung über die Milieuschutzgebiete durchgeführt – und die neuen Mietverträge als „Einfallstor für Mietpreissteigerungen“ identifiziert: „Während die Mieten in Kreuzberg 36 noch zu Beginn der 90er-Jahre oft unter dem Mietpreisspiegel lagen, liegen sie nun oft darüber. Insbesondere bei Neuvermietungen liegt der Durchschnittspreis nun bei 6 Euro netto kalt pro Quadratmeter“, stellte der Forscher fest. „Diese Mietsteigerungen bedrohen inzwischen nicht nur die Armen, sondern eben auch den Mittelstand. Auch dieser muss heute rund ein Drittel seines Einkommens für die Warmmiete ausgeben.“

Besonders in den Kiezen um die Reichenberger Straße, im Graefekiez und rund um die Bergmannstraße stellte Gude „Aufwertungstendenzen“ fest. Zusammenfassend resümiert er, dass „heutzutage Menschen mit mittlerem und geringem Einkommen sich um dieselbe Wohnung streiten“.

Einen Beitrag zum Erhalt der viel zitierten Kreuzberger Mischung meinen die Mitglieder der Baugruppen-Initiative „Am Urban“ gefunden zu haben. Nach einem aufregenden Bieterverfahren und mit Unterstützung von Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) gelang es der Projektinitiatorin Mary-France Jallard Graetz, den Zuschlag für die 19 denkmalgeschützten Altbauten und das 26.000 Quadratmeter große Gelände des alten Urbankrankenhauses zu bekommen.

„Am Ende werden hier rund 350 Menschen und 80 Kinder leben“, sagt Erwin Meyer, ein Vertreter der Baugruppe, der wie über drei Viertel der neuen Bewohner aus den umliegenden Vierteln stammt – und jahrelang für sich und seine Familie eine Perspektive in Kreuzberg suchte. „Heute sind bereits über 80 Prozent der Wohnungen vergeben“, berichtet Meyer auf der von gut 50 Anwohnern besuchten Versammlung, „rund 40 Prozent der neuen Besitzer sind Freiberufler, 50 Prozent Angestellte und 10 Prozent Rentner“. Ab Anfang Oktober soll Baubeginn sein. Doch auch die Alternative zur Verdrängung hat ihren Preis – rund 2.000 Euro pro Quadratmeter.

„Zu teuer und für uns ein unkalkulierbares finanzielles Risiko“, sagt Melanie Behnisch, die zusammen mit ihrem Mann Ahmed und ihren beiden Kindern seit Jahren im Graefekiez wohnt. Auch ihr Haus ist vor Kurzem verkauft worden – an einen Investor in Westdeutschland. Für Melanie sind das ungute Nachrichten: „Nun hängt die Furcht vor einer Modernisierungsankündigung wie ein Damoklesschwert über uns.“

Weil sie auch für ihre Kinder mehr Platz brauchen, dachte die Familie lange über eine Beteiligung an der Baugruppen-Initiative nach. Doch Ahmed ist freier Musiklehrer – keine gute Perspektive. „Was weiß ich, was ich in zwei Jahren verdienen werde, deshalb kann ich mich nicht auf 30 Jahre verschulden“, sagt er.

Inzwischen hat Bürgermeister Franz Schulz dem rot-roten Senat einen Brief geschrieben. Warum soll man nicht, so seine Anregung, „Mieterhöhungen generell nur bis zum Mittelwert des jeweiligen Mietspiegels zuzulassen“? Mieterhöhungen ohne Wohnwertverbesserung sollten, so Schulz Forderungskatalog, nur noch im Rahmen der Inflationsrate möglich sein. „Umlagen für Modernisierungen dürfen nur noch für die tatsächliche Dauer der Abschreibungen erhoben werden.“ Schließlich endet Schulz seinen Brief mit der Forderung, „dass in Milieuschutzgebieten eine Mietobergrenze festgesetzt werden kann, die von einer maximalen durchschnittlichen Mietbelastung von 25 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens ausgeht“.

Bis dahin aber wird es noch viele Modernisierungsankündigungen in Kreuzberg geben. Immerhin ist Stadtsoziologe Sigmar Gude davon überzeugt, dass den Kreuzbergern ein ähnliches Schicksal wie den ehemaligen Anwohnern des Kollwitzplatzes erspart bleibt. „In Kreuzberg“, nennt er den Grund für seinen Optimismus, „gibt es viel zu viel Widerstände gegen eine Aufwertung“.

Hinzu komme die Multikulti-Mischung im Kiez. Gude wörtlich: „Das Bionade-Biedermeier kann hier keine vollständig befreiten deutschstämmigen Zonen schaffen wie in Mitte oder in Prenzlauer Berg“. Das sei auch den Wohnungssuchenden bewusst, die mit einer der schick sanierten Wohnungen liebäugelten. Nach Kreuzberg, meint Gude, kommen vor allem Leute, die mit dieser Mischung leben könnten. „Als Besitzer eines hochwertigen Autos würde ich in der Wrangelstraße nicht ruhig schlafen können.“

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