Archiv für April 2009

Gentrifikation in Kreuzberg – Die Furcht vor der Verdrängung

Quelle: http://www.taz.de/regional/berlin/aktuell/artikel/1/die-furcht-vor-der-verdraengung/

In Kreuzberg geht die Angst um. Immer mehr Häuser werden modernisiert. Ein Kiezrundgang. VON CHRISTOPH VILLINGER

Schlechte Aussichten? Immerhin kann man in Kreuzberg am Landwehrkanal noch den Sonnenuntergang genießen Foto: AP

„Zurzeit zahlen wir rund 750 Euro Miete für unsere etwa 100 Quadratmeter große Wohnung, nach der Luxusmodernisierung sollen es knapp 1.400 Euro sein.“
Was ist Gentrification?

Ein typisches Soziologenwort, das die Aufwertung von Stadtteilen und die damit verbundene Verdrängung thematisiert. Man kann auch Schickimickisierung sagen.

Ein Verdachtsmoment, zumindest für das BKA. Das fahndete auf der Suche nach der „militanten gruppe“ nach Aktivisten, die das Wort benutzen. Eines der Opfer war der Soziologe Andrej Holm.

Ein Tatbestand, vor allem in Mitte und Prenzlauer Berg. Dort wurde seit der Wende ein Großteil der Bevölkerung ausgetauscht.

Eine Form der Provinzialisierung. Nicht umsonst spricht man von Prenzlauer Berg bereits als „Bionade-Biedermeier“.

Noch immer schüttelt Norbert Arndt den Kopf, wenn er die Modernisierungsvereinbarung des neuen Eigentümers in die Hand nimmt. „Eigentlich ist hier alles in Ordnung, nur die Fenster könnten mal gemacht werden“, sagt er.

Auf den Fahrstuhl, den der neue Eigentümer der Katzbachstraße 18 einbauen will, kann er gut und gerne verzichten – vor allem auf die 150 Euro Mehrkosten, die damit verbunden wären. Doch um den Fahrstuhl geht es den Eigentümern wohl nicht. Arndts Haus mit den vergilbten Buntglasfenstern im Treppenhaus liegt direkt gegenüber dem Kreuzberger Viktoriapark.

Bis vor Kurzem gehörte die Katzbachstraße 18 einem im Haus lebenden alten Ehepaar. Doch letztes Jahr starb der Mann, die Witwe verkaufte es an die Viktoriapark Grundbesitz GmbH, ein Unternehmen der Christmann-Unternehmensgruppe. Die präsentiert sich auf ihrer Internetseite als Unternehmen, das „im jeweiligen Marktumfeld die Nischen sucht und erkennt, die es uns ermöglichen, uns und unseren Partnern überproportionale Gewinne zu erwirtschaften“. Weiter heißt es, dass mit dem firmeneigenen Know-how „bei einer Leerstandsimmobilie sofort der Ertrag“ erkannt werde.

Wie Arndt geht es in letzter Zeit immer mehr Mietern in Kreuzberg. Gerade erst hat der Stadtforscher Andrej Holm, der sich lange mit den Aufwertungsprozessen rund um den Kollwitzplatz beschäftigte, im Immobilienteil der New York Times eine Wohnungsanzeige für die nahe gelegene Katzbachstraße 5 entdeckt. In dem ebenfalls zur Christmann-Gruppe gehörenden Haus wird eine 168 Quadratmeter große Wohnung für rund 400.000 Euro angeboten. Was Arndt womöglich erst bevorsteht, ist gegenüber bereits Wirklichkeit.

Immer mehr Kreuzberger stellen sich wie Norbert Arndt die Frage: was tun? Anders als in den Schickimicki-Kiezen in Mitte und Prenzlauer Berg steht den Mietern in der Katzbachstraße nicht einmal eine Milieuschutzverordnung zur Seite. Doch auch wenn man in einem Milieuschutzgebiet wie rund um die Wrangelstraße im östlichen Kreuzberg lebt, ist es schwierig, sich juristisch gegen ungewollte Modernisierungen zu wehren.

In zwei Häusern aus den 50er-Jahren an der Wrangel- Ecke Cuvrystrasse beginnt in diesen Tagen die Sanierung. Danach soll die Miete fast 50 Prozent mehr betragen. Inzwischen hat ein Großteil der rund 30 Mietparteien die Modernisierungsvereinbarungen unterschrieben – „das Amt zahlt ja“. Einige aber sind nicht einverstanden, sie wollen lieber mit Kachelofen, aber dafür mit billiger Miete leben.

Die aus dem alternativen Milieu stammende Hausbesitzerin gibt sich bemüht, auf die Sorgen der Mieter einzugehen und Lösungen zu finden. Wie die Mieter in Kreuzberg will auch sie anonym bleiben – die Stimmung in Kreuzberg ist inzwischen aufgeheizt. Auch deshalb, weil niemand den Mietern die Angst davor nehmen kann, dass die Mietsteigerung demnächst über dem „vom Amt“ erlaubten Satz liegen könnte.

Es sind vor allem die Neuvermietungen, die dem Stadtsoziologen Sigmar Gude Sorge bereiten. Im letzten Jahr hat Gude im Auftrag des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg eine große Untersuchung über die Milieuschutzgebiete durchgeführt – und die neuen Mietverträge als „Einfallstor für Mietpreissteigerungen“ identifiziert: „Während die Mieten in Kreuzberg 36 noch zu Beginn der 90er-Jahre oft unter dem Mietpreisspiegel lagen, liegen sie nun oft darüber. Insbesondere bei Neuvermietungen liegt der Durchschnittspreis nun bei 6 Euro netto kalt pro Quadratmeter“, stellte der Forscher fest. „Diese Mietsteigerungen bedrohen inzwischen nicht nur die Armen, sondern eben auch den Mittelstand. Auch dieser muss heute rund ein Drittel seines Einkommens für die Warmmiete ausgeben.“

Besonders in den Kiezen um die Reichenberger Straße, im Graefekiez und rund um die Bergmannstraße stellte Gude „Aufwertungstendenzen“ fest. Zusammenfassend resümiert er, dass „heutzutage Menschen mit mittlerem und geringem Einkommen sich um dieselbe Wohnung streiten“.

Einen Beitrag zum Erhalt der viel zitierten Kreuzberger Mischung meinen die Mitglieder der Baugruppen-Initiative „Am Urban“ gefunden zu haben. Nach einem aufregenden Bieterverfahren und mit Unterstützung von Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) gelang es der Projektinitiatorin Mary-France Jallard Graetz, den Zuschlag für die 19 denkmalgeschützten Altbauten und das 26.000 Quadratmeter große Gelände des alten Urbankrankenhauses zu bekommen.

„Am Ende werden hier rund 350 Menschen und 80 Kinder leben“, sagt Erwin Meyer, ein Vertreter der Baugruppe, der wie über drei Viertel der neuen Bewohner aus den umliegenden Vierteln stammt – und jahrelang für sich und seine Familie eine Perspektive in Kreuzberg suchte. „Heute sind bereits über 80 Prozent der Wohnungen vergeben“, berichtet Meyer auf der von gut 50 Anwohnern besuchten Versammlung, „rund 40 Prozent der neuen Besitzer sind Freiberufler, 50 Prozent Angestellte und 10 Prozent Rentner“. Ab Anfang Oktober soll Baubeginn sein. Doch auch die Alternative zur Verdrängung hat ihren Preis – rund 2.000 Euro pro Quadratmeter.

„Zu teuer und für uns ein unkalkulierbares finanzielles Risiko“, sagt Melanie Behnisch, die zusammen mit ihrem Mann Ahmed und ihren beiden Kindern seit Jahren im Graefekiez wohnt. Auch ihr Haus ist vor Kurzem verkauft worden – an einen Investor in Westdeutschland. Für Melanie sind das ungute Nachrichten: „Nun hängt die Furcht vor einer Modernisierungsankündigung wie ein Damoklesschwert über uns.“

Weil sie auch für ihre Kinder mehr Platz brauchen, dachte die Familie lange über eine Beteiligung an der Baugruppen-Initiative nach. Doch Ahmed ist freier Musiklehrer – keine gute Perspektive. „Was weiß ich, was ich in zwei Jahren verdienen werde, deshalb kann ich mich nicht auf 30 Jahre verschulden“, sagt er.

Inzwischen hat Bürgermeister Franz Schulz dem rot-roten Senat einen Brief geschrieben. Warum soll man nicht, so seine Anregung, „Mieterhöhungen generell nur bis zum Mittelwert des jeweiligen Mietspiegels zuzulassen“? Mieterhöhungen ohne Wohnwertverbesserung sollten, so Schulz Forderungskatalog, nur noch im Rahmen der Inflationsrate möglich sein. „Umlagen für Modernisierungen dürfen nur noch für die tatsächliche Dauer der Abschreibungen erhoben werden.“ Schließlich endet Schulz seinen Brief mit der Forderung, „dass in Milieuschutzgebieten eine Mietobergrenze festgesetzt werden kann, die von einer maximalen durchschnittlichen Mietbelastung von 25 Prozent des durchschnittlichen Haushaltseinkommens ausgeht“.

Bis dahin aber wird es noch viele Modernisierungsankündigungen in Kreuzberg geben. Immerhin ist Stadtsoziologe Sigmar Gude davon überzeugt, dass den Kreuzbergern ein ähnliches Schicksal wie den ehemaligen Anwohnern des Kollwitzplatzes erspart bleibt. „In Kreuzberg“, nennt er den Grund für seinen Optimismus, „gibt es viel zu viel Widerstände gegen eine Aufwertung“.

Hinzu komme die Multikulti-Mischung im Kiez. Gude wörtlich: „Das Bionade-Biedermeier kann hier keine vollständig befreiten deutschstämmigen Zonen schaffen wie in Mitte oder in Prenzlauer Berg“. Das sei auch den Wohnungssuchenden bewusst, die mit einer der schick sanierten Wohnungen liebäugelten. Nach Kreuzberg, meint Gude, kommen vor allem Leute, die mit dieser Mischung leben könnten. „Als Besitzer eines hochwertigen Autos würde ich in der Wrangelstraße nicht ruhig schlafen können.“

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Drogenbus am Kotti bekommt Gesundheitspreis

Quelle http://www.tagesspiegel.de/berlin/Fixpunkt-Gesundheitspreis-Kreuzberg;art270,2778343

Drogenbus am Kotti bekommt Gesundheitspreis

Der Verein Fixpunkt hat am Montag für sein mobiles Behandlungsteam für Drogenabhängige am Kottbusser Tor den Gesundheitspreis erhalten. Die Auszeichnung ist mit 10.000 Euro dotiert.

Der beige Rettungsbus, der drei Mal wöchentlich für einige Stunden am Kottbusser Tor parkt, ist nur mit dem Nötigsten ausgestattet: Eine Liege für die zumeist schwer drogenabhängigen Patienten, einige Schubladen mit Verbandsmaterial, eine Digitalkamera und ein Laptop. Hier kommen Menschen her, die auch ohne Krankenversicherung ihre Wunden behandeln lassen können. Für die langfristige und partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Patienten im mobilen Gesundheitsbus hat der Verein Fixpunkt gestern den mit 10 000 Euro dotierten Ehrenpreis des Berliner Gesundheitspreises bekommen.

Thema des Preises, der alle zwei Jahre von AOK und der Berliner Ärztekammer an bundesweite Projekte vergeben wird, war diesmal Adhärenz – also die Einhaltung der von Arzt und Patient gemeinsam gesetzten Therapieziele. „Wir haben Projekte gesucht, die Patienten aktiv in die Behandlung einbinden und die dabei Erfolge verbuchen können“, sagt Sybille Golkowski, Sprecherin der Berliner Ärztekammer. Beides kann Fixpunkt: „Gerade bei unserer Klientel ist es wichtig, den Leuten auf Augenhöhe zu begegnen und sie so bei der Stange zu halten“, sagt die Krankenschwester Doreen Böttcher, die mehrmals wöchentlich im Gesundheitsbus am Kotti arbeitet.

Der Erfolg stellte sich bald ein: Seit der Verein vor zwei Jahren begonnen hat, nach dem Konzept der Modernen Wundbehandlung zu arbeiten, kämen die Patienten um die Hälfte regelmäßiger zu Folgeterminen, sagt Fixpunkt-Geschäftsführerin Astrid Leicht. Fixpunkt ist seit 1993 mit niedrigschwelligen Präventions- und Behandlungsangeboten am Kottbusser Tor. Früher sei es insbesondere darum gegangen, akute Fälle zu behandeln, sagt Böttcher. Weil die Patienten jedoch älter werden und damit häufig schon länger von Drogen abhängig sind, verändern sich auch die Probleme. Mittlerweile, so Böttcher, komme ein Großteil der Leute wegen chronischer Probleme. Fixpunkt reagierte: Böttcher und eine Kollegin ließen sich zu Wundmanagerinnen ausbilden. Nun dokumentieren sie mit Digitalkamera und Laptop die Heilung, klären den Patienten über verschiedene Behandlungsmöglichkeiten auf, beziehen ihn in die Versorgung mit ein und bauen so ein Vertrauensverhältnis auf.

Genau das ist momentan allerdings ein Problem: Während noch bis Anfang des Jahres bis zu 30 Patienten täglich zur Behandlung kamen, nehmen momentan meist weniger als 15 Abhängige das kostenlose Angebot in Anspruch. Nach der wieder aufgeflammten Diskussion über den Druckraum in der Dresdner Straße, den Fixpunkt betreibt und in dem sich Junkies unter hygienischen Bedingungen spritzen können, und wegen der inzwischen verstärkten Polizeipräsenz, trauten sich viele Patienten auch nicht mehr zu den mobilen Angeboten, sagt Fixpunkt-Geschäftsführerin Astrid Leicht. Momentan sei man noch im Gespräch mit Senatsverwaltung und Bezirk, wie die Situation in Zukunft gehandhabt werden könne. Ende Juni muss Fixpunkt aus den Räumen in der Dresdner Straße ausziehen. Vorher sollen Pläne bekannt gegeben werden, wie es weiter geht.

Der Gesundheitsbus soll jedenfalls am Kottbusser Tor bleiben, sagt Astrid Leicht: „Wir würden das Preisgeld gerne dazu verwenden, das Wundversorgungsangebot auszubauen.“

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 21.04.2009)

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Umkämpftes Kreuzberg: Yuppies, Junkies und steigende Mieten

Quelle http://gentrificationblog.wordpress.com/2009/04/22/berlin-yuppies-junkies-steigende-mieten/#more-860

Kürzlich erschien die aktuelle Ausgabe der von der Antifaschistischen Linken Berlin unterstützte Zeitschrift “Der Antiberliner“. Zum bunten Kaleidoskop der Themen diesmal auch eine Artikel zum Thema Stadtentwicklung und Wohnungspolitik am Beispiel Kreuzbergs, den zu schreiben ich angefragt wurde: “Yuppies, Junkies, Steigende Mieten“. In Berlin liegt die Zeitung in vielen Kneipen und Buchläden aus, für alle anderen gibt es den Beitrag hier in der elektronischen Fassung (ausführliche Fassung folgt unten).

Berlin Kreuzberg, zuletzt wegen steigender Mieten und exklusiver Bauprojekte in die Schlagzeilen geraten, ist aktuell Schauplatz eines typischen Protestdilemmas: Nachbarschaftsinitiativen fordern nach der Schließung eines Druckraumes in der Dresdener Straße die Ausgrenzung der Drogenszene aus dem öffentlichen Raum und eine Verschärfung der Polizeiarbeit. Linke Gruppen und Sozialinitiativen rufen zu Kundgebungen gegen diese Verdrängungspolitik auf und in der Berliner Medien wird aus dieser Auseinandersetzung ein „Kampf zwischen Yuppies und Junkies“. Dass es sich bei der Bürgerinitiative um Yuppies oder überhaupt Besserverdienende handelt, darf bezweifelt werden. Richtig erscheint es mir dennoch, die Proteste gegen die Drogenszene vor dem Hintergrund von Aufwertungsdynamiken zu betrachten. (…)

Artikel im Antiberliner, Kampfblatt für mehr Kopfsteinpflaster // Nr. 21 //

Umkämpftes Kreuzberg: Yuppies, Junkies und steigende Mieten

Berlin Kreuzberg, zuletzt wegen steigender Mieten und exklusiver Bauprojekte in die Schlagzeilen geraten, ist aktuell Schauplatz eines typischen Protestdilemmas:

Nachbarschaftsinitiativen fordern nach der Schließung eines Druckraumes in der Dresdener Straße die Ausgrenzung der Drogenszene aus dem öffentlichen Raum und eine Verschärfung der Polizeiarbeit. Linke Gruppen und Sozialinitiativen rufen zu Kundgebungen gegen diese Verdrängungspolitik auf und in der Berliner Medien wird aus dieser Auseinandersetzung ein „Kampf zwischen Yuppies und Junkies“. Dass es sich bei der Bürgerinitiative um Yuppies oder überhaupt Besserverdienende handelt, darf bezweifelt werden. Richtig erscheint es mir dennoch, die Proteste gegen die Drogenszene vor dem Hintergrund von Aufwertungsdynamiken zu betrachten.

Junkies unerwünscht

Der Bezirk Kreuzberg galt lange Zeit als „Soziales Problemquartier“ und auch die vorliegenden Sozialdaten wiesen die Wohngebiete als benachteiligte Quartiere aus. In den offiziellen Sozialstudien wurde dabei immer wieder auf den hohen Migrationsanteil verweisen, wesentlich aussagekräftiger für die soziale Situation jedoch waren uns sind die hohen Anteile von Transferhaushalten und Bewohner/innen mit sehr geringen Einkommen. In Kreuzberg konzentrierten sich soziale Problemgruppen und eben auch viele Drogenabhängige nicht nur wegen des toleranten Images des Stadtteils, sondern vor allem wegen der lange Zeit bezahlbaren Mieten. Insbesondere in den 1990er Jahren lagen die Wohnungsmieten deutlich unter den städtischen Durchschnitten und auch für Wohnungssuchende gab es preiswerte Angebote.

Diese Situation hat sich in den vergangenen fünf Jahren deutlich verändert. Wohnungsprivatisierungen, Eigentümerwechsel und steigende Mieten stehen für die beginnenden Aufwertungsprozesse in Kreuzberg. Aktuelle Sozialstudien von Topos (im Auftrag des Stadtbezirks) vermelden in allen Quartieren einen sozialen Aufwärtstrend. Insbesondere der Anteil an Besserverdienenden ist zum Teil deutlich angestiegen. In allen Untersuchungsgebieten (Bergmannstraße, Gräfekiez und Luisenstadt) sind die Durchschnittseinkommen in den vergangen 10 Jahren deutlich gestiegen. Doch dies ist nicht auf steigende Löhne oder BAföG-Erhöhungen zurückzuführen, sondern vor allem auf den Anstieg von Haushalten mit höheren Einkommen. Allein seit 2005 hat sich der Anteil von Haushalten mit mehr als 2.600 Euro im Monat von 15 auf 20 Prozent erhöht. Diese Mittelschichten artikulieren ihre eigenen Interessen an der Stadtteilentwicklung – teilweise auch gegen die Drogenszene am Kottbusser Tor. So gibt es etwa eine Initiative von Gewerbetreibenden und Hauseigentümern, die versuchen einen neuerlichen Druckraum in Kreuzberg zu verhindern. Bei ihnen geht es nicht nur um ein sorgenfreies Lebensgefühl und die alltäglichen Belastungen, die mit einer verfehlten Drogenpolitik zusammenhängen. Hier koppeln sich Geschäfts- und Besitzinteresse direkt mit den städtischen Gestaltungsansprüchen. Gerade die Überlagerung ganz verschiedener Protestmotivationen macht es so schwer, eine klare Position zu und in diesem Konflikt zu finden.

Begehren nach Mietsteigerung

Doch der durchschnittlichen Aufwertungsindizien in Kreuzberg sind nur die halbe Wahrheit. Auf der anderen Seite steht ein immer höherer Anteil (aktuell ca. 30 Prozent) von Bewohner/innen, deren Einkommen unterhalb des Existenzminimums liegen. Die Sozialstudien sprechen von einer „stärker polarisierten Sozialstruktur“. Die offizielle Stadtpolitik beschwört seit Jahren eine „Soziale Mischung“, doch das Nebeneinander von Arm und Reich, wie es sich zurzeit in Kreuzberg durchsetzt, straft die Utopien vieler Stadtplaner- und Quartiersmager/innen Lügen. Denn mit steigender Attraktivität von Wohngebieten für Mittelschichten wächst meist auch das Begehren der Hauseigentümer nach Mietsteigerungen. Die Mieten in Kreuzberg liegen inzwischen über dem Berliner Durchschnitt und insbesondere die Neuvermietungsangebote können sich meist nur noch Besserverdienende leisten. Zumal die meist kinderlosen Haushalte mit höheren Einkommen vor allem größere Wohnungen nachfragen. Insbesondere die Mieten in den familiengeeigneten Wohnungen sind daher überproportional angestiegen. Für alle Mieter/innen mit weniger Geld in der Haushaltskasse wird es also eng. In Folge dieser Entwicklungen ist auch die Mietbelastungsquote gestiegen – und selbst wenn der neue Sozialmonitor der Senatsverwaltung eine „Konsolidierung“ in Kreuzberg feststellt, viele Kreuzberger/innen haben am Ende des Monats weniger im Portmonee. Eine durchschnittliche Aufwertung steht so eben auch für eine zunehmende Ausgrenzung, weitere Verarmung und eine steigende Verdrängungsgefahr ärmerer Haushalte – mithin genau dem, was als Gentrification bezeichnet wird.

Am Ball bleiben

Eine zentrale Ursache dafür sind die Dynamiken des Wohnungsmarktes. Luxuswohnprojekte wie das Carloft in der Reichenberger Straße oder die Paul-Lincke-Höfe stehen sehr sichtbar für die beginnende Aufwertung – die gravierenden sozialen Veränderungen vollziehen sich jedoch als schleichender Prozess von Mietsteigerungen, Modernisierungsarbeiten und Umwandlungen in Eigentumswohnungen. Eine Anti-Gentrification-Strategie sollte daher auch nicht bei der Skandalisierung von Leuchtturmprojekten der Aufwertung stehenbleiben, sondern zentral die Miet- und Wohnungspolitik in den Blick nehmen. Mit den Protesten gegen das Investorenprojekt MediaSpree und der Mieten-Stopp-Demonstration im vergangenen Jahr ist das Thema auf die Agenda des politischen Aktivismus gehoben worden. Für die Linke in der Stadt heißt es nun, am Ball zu bleiben und breite Bündnisse zu schmieden, mit denen eine andere Wohnungspolitik für Berlin durchgesetzt werden kann.

Andrej Holm

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Linke Stadtspiele Schnitzeljagd für den Frieden

Quelle: http://www.taz.de/regional/berlin/aktuell/artikel/1/schnitzeljagd-fuer-den-frieden/

Technotofuschnitzeljagd

Am Samstag versammelten sich rund 300 junge Menschen, um tanzend für den Weltfrieden durch die Stadt zu ziehen. Die Polizei versuchte, die Veranstaltung aufzulösen. Gefeiert wurde trotzdem. VON MARTIN SCHWARZBECK

Schön rausgesputzt: Tofuschnitzler beim Start am Kreuzberger Bethanien Foto: Michael Hughes, mehr Bilder unter http://www.flickr.com/photos/michael_hughes/sets/72157616416879658/

Der Sinn der Kiste erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Bunt geschmückt ist sie, elektrifiziert, eine Art Bollerwagen? Ihr wahres Gesicht enthüllt sie erst, als der Bass der Musikanlage losrollt und die Menge anfängt zu johlen. Die „Tofuschnitzeljagd für den Weltfrieden“ beginnt.

Die Schnitzeljagd organisiert das B.U.M.S., das Bündnis für urbane Mobilbeschallung. Die Feiernden sind verkleidet als Tiere, Piraten, Zirkusdirektoren und Fabelwesen. Vom Baby bis Mitte 30 ist alles dabei. Sie schwenken Fahnen, Schirmchen, Wunderkerzen und ein Einhorn am Stiel.

Zuerst geht es darum, Teams zu bilden. Rot, orange, rosa, blau, gelb, schwarz: Von jeder Farbe rennen Abgesandte umher und verteilen Federn und Schminke. 300 Menschen machen die Wiese hinter dem Bethanien zu einem Farbenmeer. Ein Mädchen, das aussieht wie Pippi Langstrumpf, packt sich eine Musikanlage und geht los. Mitten auf die Straße zieht die tanzende Prozession. Verkehrsregeln? Nein, hier herrscht Freiheit, wenn nicht Anarchie. „Spaß hat Vorfahrt!“, brüllt eine Schnitzeljägerin und winkt mit einer Fliegenklatsche.

Um Spaß geht es, und Politik soll wohl auch dabei sein. „Wir werden hier nicht die Welt verändern, aber vielleicht den einen oder anderen dafür sensibilisieren, dass es da draußen eine Welt gibt, die man verändern kann. Politikverdrossenheit muss nicht sein, Politik darf Spaß machen“, erklärt Mitorganisatorin Mila.

Die chaotische Truppe würde schnell auseinanderdriften, wäre da nicht die Musik, die sie, wie der Rattenfänger von Hameln, hinter sich herzieht. Die Passanten gucken ungläubig, irritiert bis verstört, staunen mit offenen Mündern. Aber dann legt sich doch ein Lächeln auf ihre Lippen. Vor allem die Kinder lassen sich schnell anstecken, spielen begeistert mit einem riesigen Ball aus Luftballons. Um gegen Überwachung zu protestieren, werden unterwegs Kameras aus Pappe gebastelt. Die reale Überwachung ist auch schon anwesend. Ein Hubschrauber kreist über Kreuzberg, versucht anscheinend, die verschlungenen Wege der sechs Teams im Blick zu behalten.

Am Kottbusser Tor stehen die ersten Polizisten in Kampfmontur. Aus Protest gegen die Schließung des Druckraums in der Dresdener Straße packen die Teilnehmer Spritzen aus und wälzen sich krampfend auf dem Boden. Doch sie stehen grinsend wieder auf und lassen sich von der Polizei über die Kreuzung eskortieren. Kurz hinter dem Moritzplatz wird die Veranstaltung eingekesselt. „Die haben aber auch keine neuen Ideen“, sagt ein Teilnehmer im rosa Bademantel.

überdosierte

Die Ideen der Organisatoren sind da vielfältiger. Hier gilt es als legitime politische Ausdrucksform, der Welt seinen Hintern zu zeigen, Polizisten zu küssen, Einkaufszentren oder den Fernsehturm tanzend zu besetzen. Angesichts der Polizeisperren gehen die Teilnehmer konfrontativ darauf zu. Doch statt mit Steinen wird mit Komplimenten um sich geworfen. Denn eine der Aufgaben ist es, der Polizei seine Liebe zu gestehen. Ein Teilnehmer umarmt einen Polizisten und erklärt, an die Menge gewandt: „Also, wir haben uns hier auf der Demo kennengelernt, es war Liebe auf den ersten Blick.“ Ein bunt geschminktes Mädchen spricht einen weiteren an: „Sie sind mir eben schon aufgefallen, diese blauen Augen zu dem Grün, wow … ficken?“

Die Polizisten setzen ihre Helme auf. Es kommt zu Festnahmen, ohne ersichtlichen Grund. Als Höhepunkt des Widerstands fliegt ein Döner in Richtung Polizei. Dabei bleibt es aber auch. Es scheint, als hätte die Staatsmacht gewonnen. „Die spielen aber auch immer unfair, die sind viel mehr und haben doch schon das ganze Jahr trainiert“, sagt ein Teilnehmer mit rosa Riesenhasenohren. Die restlichen Schnitzeljäger schmuggeln sich auf Schleichwegen in den Tiergarten.

Auf einer Lichtung finden sich plötzlich doch wieder hunderte tanzende Menschen, so viele wie zuvor. „Eins zu null gegen Team Grün. Politik hat noch nie so viel Spaß gemacht!“, johlt eine Teilnehmerin – und der ganze Stress löst sich auf, in Seifenblasen und Konfetti.

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Kreative Stadt für die globale Dienstleistungselite – Wie sich die Kreativwirtschaft in Berlin selbst auffrisst

Quelle: http://www.bmgev.de/mieterecho/333/19-kreativwirtschaft-kreative-stadt-ib.html

bmgev

von Ingo Bader

Ingo Bader, geb. 1972 in Essen, promoviert über Kreativwirtschaft und Stadtentwicklung in Amsterdam, Berlin und New York am Center for Metropolitan Studies/TU Berlin. Er ist Mitherausgeber des Buchs „Der Sound der Stadt. Musikindustrie und Subkultur in Berlin“.

In der öffentlichen Debatte dient die Kreativwirtschaft als ein Allheilmittel für die krisenhafte ökonomische Situation Berlins. Dieses Jahr wurde der zweite Kulturwirtschaftsbericht der Stadt aufgelegt, und bei den Großprojekten des Senats wie Mediaspree und neuerdings die Nachnutzung des Flughafens Tempelhof, ist die Kreativwirtschaft ein wichtiger Bestandteil. Neben den Big Playern – Universal, MTV, Bread & Butter und internationalen Filmproduktionen – werden vor allem das „innovative kreative Milieu“ und die Anziehungskraft einer jungen und wilden Clubszene angeführt.

Das Konzept der kreativen Klasse hat der amerikanische Stadtforscher und Ökonom Richard Florida 2002 in dem Buch „Der Aufstieg der kreativen Klasse“ als eines der zentralen Leitbilder in der Stadtentwicklung dargestellt. In der Wissenschaft ist seine These, dass die Attraktivität einer Stadt für eine kreative Bohème und ihr wirtschaftlicher Erfolg zusammenfallen, stark umstritten. Da Florida aber ein einfaches Marketingkonzept zur Verfügung stellte, wurde es von den politisch Verantwortlichen vieler Städte mit Begeisterung aufgenommen. Der Begriff „kreative Stadt“ entwickelte sich zu einer zentralen Marke im Wettbewerb um Unternehmensstandorte. Dabei geht es einer „kreativen Stadt“ eigentlich gar nicht um die verschiedenen Segmente der Kulturwirtschaft, sondern darum, eine sogenannte kreative Klasse anzuziehen. Dafür sind vielfältige Urbanität und städtische Kultur lediglich wichtige Faktoren. Mit „kreativer Klasse“ ist jenseits des schönen Klangs vor allem eine Dienstleistungselite gemeint: Auch Bankmanager gehören nach Floridas Definition dazu.
Corporate Identity der Stadt

Die Marke „be berlin“ ist Bestandteil einer städtischen Corporate Identity, die sich vor allem auf die alternativ geprägte Kultur der Innenstadtbezirke, Clubs wie die Bar 25 und das Berghain sowie kleine Mode- und Musiklabels stützt. Da solche Institutionen und Betriebe in den meisten europäischen Städten schon völlig durch steigende Immobilienpreise verdrängt worden sind, hier aber die ständig weiterziehende Karawane der Zwischennutzer immer noch Orte mit vergleichsweise niedrigen Mieten findet, ist Berlin zu einem der zentralen Ziele eines Easy-Jet-Tourismus geworden, dem heute bereits viele Besserverdienende nachfolgen. Kern der Ideologie der „kreativen Stadt“ ist genau das: die Stadt im internationalen Wettbewerb zwischen Städten und Regionen als Marke aufzubauen, die diese Gutverdienenden anzieht.
Dienstleistung und Industrie

Die Kreativwirtschaft ist einer der wenigen wachsenden Wirtschaftszweige Berlins. Allerdings bleibt es trotz gegenteiliger Behauptungen zweifelhaft, ob dieses Wachstum die strukturellen Probleme der Berliner Wirtschaft beheben kann. In einer Studie für den DGB führt Sergei Goryanoff an, dass das Hauptproblem der Berliner Wirtschaft in der niedrigen Wertschöpfung des industriellen Sektors bestehe. Er stellt fest: „Die Dienstleistung nährt nicht die Dienstleistung.“ Eine einseitige Orientierung auf Dienstleistungen, zu der auch die Kreativwirtschaft gehört, sei deswegen nicht in der Lage, strukturelle Defizite zu überwinden.

Die Kreativwirtschaft umfasst nicht nur die traditionelle Kultur: Neben Musik und Theater gehören auch Design, Werbung, Softwareprogrammierung und Computerwartung zu den „Creative Industries“ – der Begriff ist also teilweise deckungsgleich mit der New Economy vergangener Jahre. Nicht zu vergessen ist außerdem, dass z. B. ein Musikunternehmen auch den Vertrieb, Marketing oder die Produktion des Tonträgers umfasst, also Bereiche, die wenig direkt mit Kreativität zu tun haben.
Hauptstadt der Callcenter, Putzkräfte und Security

In der Kreativwirtschaft sind die Arbeitsbedingungen äußerst unterschiedlich, entgegen der Behauptung Richard Floridas, dass ein gemeinsames Interesse einer kreativen Klasse bestehe. Zahlreiche ungelernte Arbeitskräfte sind zu Niedriglöhnen beschäftigt. Die Beschäftigten einer Veranstaltungshalle wie der O2-World bestehen überwiegend aus gering bezahltem Sicherheitspersonal und schlecht entlohnten Servicekräften, auch Kneipen und Clubs zahlen nur Niedriglöhne. Der Erfolg Berlins als Standort für internationale Filmproduktionsfirmen beruht vor allem auf den geringen Löhnen für gut ausgebildetes Personal. Auch beschäftigt die Kreativwirtschaft einen hohen Anteil von prekären Freiberufler/innen und wenig bis gar nicht bezahlten Praktikant/innen. Die Spaltung der Beschäftigten der Kreativwirtschaft ist zwar in allen Städten groß, aber Berlin ist gewissermaßen zu einem Billiglohnland der Kreativität geworden.
Selbstverwirklichung und Selbstausbeutung

Der Verzicht auf eine Festanstellung wird von vielen kreativen Kleinunternehmer/innen als Chance zur Selbstverwirklichung erlebt, die niedrige Löhne, Unsicherheit und die Verlängerung des Arbeitstags in die Freizeit vergessen lässt. Unter anderem von den Angehörigen der „digitalen Bohème“, so die Selbstbezeichnung von Holm Friebe und Sascha Lobo für den neuen Typus moderner Freiberufler/innen im Internetzeitalter in ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“, wird die Selbstverwirklichung in diesem neuen Arbeitstypus sogar überhöht: Sie nehmen die Existenzform als prekäre Freiberufler/innen gar nicht mehr als ökonomisches Verhältnis war, sondern als emanzipatorischen Gegenentwurf zur Arbeitsgesellschaft. Für einige individuelle Lebensentwürfe mag das nachvollziehbar sein, aber für die wenigsten Freiberufler/innen ist ihr Status mit einem Gewinn an individueller Freiheit verbunden. (Siehe auch den Beitrag „Der neue Traum vom festen Job“)
Aufwertung der Quartiere und steigende Mieten

Neben den niedrigen Löhnen sind es vor allem die im Vergleich mit anderen Großstädten geringen Mieten für Gewerberäume und die günstigen Lebenshaltungskosten, die in Berlin das Wachstum der Kreativwirtschaft erst ermöglichen und so den Ruf als innovative Kreativstadt begründen. Allerdings setzt meist, wenn ein Quartier von den kreativen Pionieren entdeckt wurde, eine Spirale der Aufwertung ein. Nicht nur alteingesessene Mieter/innen und Gewerbetreibende, sondern auch die ersten Pioniere werden mit der Zeit wieder verdrängt. Am Ende profitieren vor allem die Immobilienbesitzer von dieser Entwicklung sowie einige große Firmen, die das neue, hippe Berlin erfolgreich international vermarkten. Als Beispiel kann ein Gebiet des Stadtumbau-West-Förderprogramms am Kreuzberger Spreeufer dienen, nämlich die Gegend um das Schlesische Tor, die mit Millionensummen zu einem kreativem Quartier umgebaut werden soll. Ziel ist die „Entwicklung eines hochwertigen innerstädtischen Wirtschaftsstandorts, der private Investitionen und zukunftsfähige Arbeitsplätze“ ermöglichen soll. Um dies zu erreichen, soll eine „neue Kreuzberger Mischung“ etabliert werden, womit vor allem junge, erfolgreiche Kreative gemeint sind. Sprachlich an die „alte“ Kreuzberger Mischung angelehnt, haben in der „neuen“ Migrant/innen, Unangepasste und Leute mit geringem Einkommen höchstens noch als folkloristisches Element eines lebendigen Kreuzbergs Platz. Zentrale Maßnahmen sind die Aufwertung des öffentlichen Raums, eine Neugestaltung des Spreeufers, eine neue Brücke zur O2-World und das entsprechende Marketing für das Gebiet. Das alles soll nicht nur „private Investitionen stimulieren“, sondern auch die „Wohn- und Arbeitsplatzqualität für die ansässige wie für die noch zuziehende Wohn- und Arbeitsbevölkerung verbessern“. Da es Leerstand in diesem Bezirk derzeit eigentlich nur noch vereinzelt gibt, ist klar: Mit dem „Stadtumbau West“ wird die Verdrängung der bisherigen Bewohner/innen angestrebt oder zumindest in Kauf genommen, um Platz für wohlhabende Neuankömmlinge zu schaffen. Erste alarmierende Anzeichen von Mietsteigerungen zeigte die neue Topos-Studie für das Erhaltungsgebiet Luisenstadt auf (siehe MieterEcho Nr. 329/ August 2008).
Unternehmerische Stadt

Die politisch forcierte Veränderung zeigt den Paradigmenwechsel in der Stadtentwicklungspolitik, der mit der Orientierung auf Kreativität beschritten wird. Anstatt integrierende Ansätze zu verfolgen, die die Interessen der lokalen Bevölkerung im Blick haben, sollen sich Angehörige der Mittelschicht und vor allem Unternehmen ansiedeln. Kreative Quartiere sind damit nur ein besser klingendes Wort für politisch forcierte Aufwertung und Verdrängung – also Gentrifizierung. Das Konzept der kreativen Stadt passt sich in die unternehmerische Stadt ein. Anstatt sozialen Ausgleich in den Mittelpunkt einer Politik zu stellen, wird die Stadt international an Investoren vermarktet – mit angeblich positiven Mitnahmeeffekten für die lokale Bevölkerung.

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